| Zeiss Planar und Biotar |
| Written by Stephan Koelliker | |
| Friday, 10 June 2011 20:59 | |
Zeiss Planar und Biotar - Detailauflösung par excellence |
EinleitungDie wohl bedeutendste Objektivkonstruktion überhaupt, das Zeiss «Planar», ist ebenso wie das «Tessar» (siehe FS 140) dem damaligen Zeiss-Chefoptiker Paul Rudolph zu verdanken. Kurz nach dem «Protar» und noch vor dem «Tessar» rechnete Rudolph 1896 ein Objektiv, das seiner Zeit deutlich voraus war. Erst ein halbes Jahrhundert später – durch die ebenfalls von Zeiss entwickelte Vergütung und die aufkommenden Spiegelreflex-Kameras (SLRs) – konnte das «Planar» seinen eigentlichen Durchbruch feiern. Praktisch alle hochlichtstarken Objektive werden heute als «Planare» ausgelegt, und über 100 Millionen Stück dürften bislang gefertigt worden sein.Von «Gauss» und «Doppelgauss»Noch vor der Erfindung der Fotografie schlug der Mathematiker Gauss 1817 vor, den klassischen, verkitteten Achromaten für die Astronomie in zwei Einzel-Linsen aufzusplitten und damit die sphärischen Aberrationen für alle Wellenlängen des Lichtes gleichmässig zu korrigieren. Realisiert wurde Gauss’ Vorschlag allerdings erst 1877 in einem von Clark in Cambridge gebauten Teleskop. Durch einen symmetrischen Aufbau von Objektiven werden drei Abbildungsfehler (Koma und Verzeichnung sowie die lateralen chromatischen Aberrationen) automatisch korrigiert, zumindest beim Massstab 1:1. Aus diesem Grund verdoppelte Clark’s Sohn das ursprüngliche Gauss-Objektiv und patentierte es 1888 als Foto-Objektiv («Doppel-Gauss»). Manche der auf diesem Prinzip aufbauenden Grossformat-Objektive wie z. B. das «Eurynar» von Rodenstock werden auch heute noch aufgrund ihrer Eigenschaften als «Tiefenzeichner» in der «fine art» Szene geschätzt; den Durchbruch schafften sie aber nicht. Das Zeiss «Planar»Paul Rudoph, der 1890 mit dem Zeiss «Protar» den ersten Anastigmaten gerechnet hatte, wandte sich kurz danach wieder den symmetrischen Objektiven zu. Er fand, dass man die beiden Hauptfehler des «Doppel-Gauss» (sphärische Aberrationen und Astigmatismus) durch ein dickeres negatives Element und verkleinerte Zwischenräume zwischen den Linsen weitgehend eliminieren konnte. Problematisch war, dass keine geeigneten Gläser zur Verfügung standen, die – bei gegebener Brechzahl – die gewünschte Dispersion hatten; die Korrektur der Farbfehler schien zunächst unmöglich. Rudolph hatte daraufhin die geniale Idee, die beiden negativen Elemente in je zwei verkittete Linsen aufzuspalten, die aus Glas mit identischem Brechungsindex, aber unterschiedlicher Dispersion gefertigt waren. Durch geeignete Wahl der Lee’s «Opic Lens»Um 1900 waren die meisten Objektive symmetrisch aufgebaut und somit für einen Massstab von 1:1 korrigiert. Diese Tatsache mag uns ungewohnt erscheinen – doch damals nahm man Porträts auf 18x24 cm oder 30x40 cm grossen Platten auf, also in etwa bei Masstab 1:1. Der aufkommende Kino-Film verlangte nach anderen Konstruktionen. Da man ab 1920 wegen des Tonfilms auf die hellen, aber lauten Bogenlampen verzichten musste, wurden lichtstarke Objektive wichtig. Weil zudem das Kino-Negativ nur 16x24 mm gross war, mussten die Objektive neu auf einen Masstab von ca. 1:20 optimiert werden. Zudem war höchste Detailauflösung gefragt, um auf dem winzigen Negativ genügend Bildinformationen speichern zu können. Lee’s Pionierarbeit und das aufkommende Kleinbild führten bald dazu, dass das Planar-Prinzip intensiv weiterentwickelt wurde. Tronnier bei Schneider-Kreuznach («Xenon», 1925), Merté bei Zeiss («Biotar», 1927) und Berek bei Leitz («Summar», 1933) schufen Objektiv-Klassiker, die in die Geschichte der Fotografie eingingen. Alle basierten auf dem Planar von 1897 – aber keine dieser Optiken erreichte die Leistung der «Sonnare» von Bertele, die in den 1930er Jahren als die besten Kleinbildobjektive galten (siehe Fotospiegel 142). Tronniers wegweisende KonstruktionenZeiss hatte die Sonnare durch Patente Die «Contax S»Bereits vor Ausbruch des 2. Weltkrieges begann Hubert Nerwin bei Zeiss Ikon unter dem Namen «Syntax» mit der Konstruktion einer Kleinbild-SLR. Prototypen wie auch Pläne wurden aber beim grossen Bombardement von Dresden 1945 völlig zerstört.
Die Zeiss «Contax S» (ab 1948, rechts) und «Contax D» (ca. 1955, mitte) sind die Ur-Typen aller modernen Kleinbild-SLRs; hier mit den legendären Biotaren 7.5 cm 1:1.5 und 5.8 cm 1:2 abgebildet. Contax S und Biotar 1.5/7.5 cm in verdankenwerter Weise liebevoll restauriert von dipl. Ing. Peter Olbrich, Görlitz. Das Zeiss «Biotar»Willy Merté, der u. a. beim alten Röntgen Physik studiert hatte, war in den 1930er-Jahren nebst Ludwig Bertele einer der wichtigsten Objektivkonstrukteure bei Zeiss. Er rechnete ab 1927 eine Reihe von hochlichtstarken Optiken für den Kine-Film, die «Biotare». Bereits aus dem Objektiv-Querschnitt lässt sich erahnen, dass die Biotare für das kleinere Bildformat des Kinofilms optimiert waren. In den 1930er Jahren folgten die Kleinbild-Biotare 2/40mm, 2/58 mm und 1.5/75 mm sowie die beiden 2/80 mm und 2/100 mm für das Mittelformat. Die extrem lichtstarken 1.4/140 mm und 2/250 mm dürften für militärische Nachtaufklärung gerechnet worden sein. Das Biotar 5.8 cm 1:2Die Tatsache, dass Zeiss im Kleinbildbereich zusätzlich zu den exzellenten Sonnaren auch das Planar-Prinzip wieder aufgriff, erklärt sich mit der 1936 vorgestellten «Kine Exakta», der ersten Kleinbild-SLR überhaupt. Der Spiegelkasten verlangte nach einem relativ grossen Freiraum zwischen Objektiv und Film, und die Biotare konnten das im Gegensatz zu den Sonnaren bieten. Das Zeiss «Biotar» 5.8 cm 1:2 (1938) galt bei den lichtstarken SLR-Standardobjektiven rund 15 Jahre lang als das Mass aller Dinge. Bei Offenblende zeichnet das Objektiv an APS-C-DSLRs erstaunlich scharf; die leichten sphärischen Restfehler führen gerade bei «avaliable light» Aufnahmen zu einer fast romantischen Überstrahlung der Spitzlichter. An der A900 ist es bei f2.0 zwar schwächer als das Sony 1.4/50 mm, bei f8 aber fast perfekt – besser als das Zeiss «Tessar» 2.8/50 mm und sogar leicht besser als das Zeiss ZA 2.8/24-70 mm!
Links: Antiker Türklopfer in der Altstadt von Pisa. Rechts: "Jazz in Sonvico 2011" - Simon Quinn, Homeland. Das Biotar 7.5 cm 1:1.5Weit gesuchter ist heute das Juwel unter den klassischen Zeiss-Linsen: das Zeiss Biotar 7.5 cm 1:1.5 (1938). Es ist das erste hochlichstarke Portrait-Objektiv des Weltmarktes. Nicht zuletzt aufgrund seines Preises (damals mehr als zwei Monatsgehälter eines Ingenieurs) blieb das 1.5/7.5 cm aber ein ausgesprochenes Spezialobjektiv für schlechte und schlechteste Lichtverhältnisse. Die Optik hat zwar nur sechs Linsen – diese sind aber teils aus hochbrechenden, leicht gelblichen Sondergläsern gefertigt, auf die Ende der 1930er Jahre nur Zeiss Zugriff hatte.
Pisa mit dem Arno. Die exzellente Detailauflösung und der mässige Kontrast des alten Biotars ergeben trotz hartem Mittagslicht ein perfekt durchgezeichnetes Bild. Der DurchbruchDurch die Vergütung wurden nach dem 2. Weltkrieg die von Tronnier um 1930 vorgeschlagenen Planar-Abkömmlinge mit fünf oder sechs Gliedern realisierbar. Trotzdem erreichten die hochlichtstarken Planare erst um 1960 das Niveau von Berteles Sonnar 1.5/50 mm. Ironischerweise leistete zunächst der Zeiss-Konkurrent Leitz einen wichtigen Beitrag für den Durchbruch des Planars. Leitz setzte ab 1935 auf das Schneider «Xenon» 5 cm 1:1.5. Es ähnelte stark dem von Lee 1930 patentierten Planar-Abkömmling mit verdoppeltem Hinterglied. Ab 1949 wurde das «Xenon» von Leitz patentfrei als «Summarit» 1.5/50 mm nachgebaut – jetzt allerdings mit Vergütungen und damit praxistauglich. Praktisch alle anderen Hersteller folgten. Das Zeiss Planar 1.4/55 mm (1961), das Nikkor-S 1.4/50 mm (1962), aber auch Canons 1.2/58 mm (1962) und Minoltas MC-Rokkore 1.2/58 mm (1968) und 1.4/50 mm (1973) basieren auf demselben Prinzip. Eine weitere, 1937 von Tronnier bei Schneider vorgeschlagene Modifikation löste das vordere Dublett des Planars in Einzellinsen auf. Dieses Prinzip findet sich u. a. im Minolta MC 1.7/85 mm (1970) und im Zeiss Planar 1.4/85mm (1974). Verzichtet man auf hohe Lichtstärke, so kann das Planar auch als Fünflinser gebaut werden. Sowohl Zeiss Jena («Biometar» 2.8/80 mm und 2.8/120 mm) als auch Zeiss Oberkochen («Planar» 2.8/80 mm) nutzten dieses Prinzip für die vielgerühmten Arbeitspferde zur «Hasselblad» und zur «Pentacon Six». AusblickTrotz zahlloser Modifikationen – deutlich über 300 Planar-Abkömmlinge wurden patentiert – ist allen Planaren etwas von der eleganten Symmetrie von Rudolphs ursprünglichem Entwurf geblieben. Erst seit kurzem tauchen vermehrt stärker abgewandelte Planare auf. Ein 2009 angemeldetes Sony-Patent für ein 1.2/50 mm- Kleinbildobjektiv zeigt, in welche Richtung die Entwicklung gehen könnte. |
siehe Willy Merté bei wikipedia



